Rohholzhandelstag: Fichte im Tiefland nicht zu retten

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Tag des Deutschen Rohholzhandels 2019

Am 18. Juni 2019 fand in Würzburg der Tag des Rohholzhandels, ausgerichtet vom GD Holz, statt. Hauptthema war der Umgang mit dem Borkenkäfer und die aus seinem massenhaften Auftreten resultierenden Schadholzmengen. Seit Wochen kommen aus ganz Deutschland Nachrichten über durch den Schädling zerstörte Wälder. Die Lokalzeitungen sind voll von Alarmmeldungen. Die Veranstaltung sollte Klarheit bringen wie ernst die Lage wirklich ist, und wo Handlungsoptionen liegen.

Klaus-Heinrich Herbst von der Heinrich Herbst KG in Dassel, Vorsitzender der Fachgruppe Rohholz, gab eine kurze Zusammenfassung der Ausgangslage: Nach dem Sturm Friederike im Januar 2018 und einem relativ langen Winter mit viel Niederschlag folgte ein extrem langer und heißer Sommer mit Borkenkäfer-Stehendbefall bis in den November. Der Winter 2018/19 war mild und trocken.

Besonders hat es Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen erwischt und so kamen zwei der drei Vortragenden aus diesen Bundesländern. Dr. Mathias Niesar vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW stellte die Situation in Nordrhein-Westfalen dar, Dr. Christof Oldenburg von den Niedersächsischen Landesforsten die in Niedersachsen. Als dritter Redner schilderte Leonhard Nossol, Geschäftsführer der Zellstoff- und Papierfabrik Rosenthal sowie AGR-Präsident, seine Eindrücke als Vertreter eines großen Holzabnehmers. Im Anschluss an die Vorträge gab es eine Podiumsdiskussion.

Dr. Mathias Niesar fällt die unterschiedliche Auffassung der Zuhörer auf seinen zahlreichen Vorträgen zum Thema Fichte und Borkenkäfer auf: Die einen sagen „Ich habs schon immer gewusst!“, die nächsten sehen im Borkenkäfer eine kostenlose Standortkartierung und die dritten fragen allen Ernstes, ob es für Fichtenaufforstungen noch eine Förderung gibt.

Das Jahr 2018 war in Nordrhein-Westfalen hinsichtlich des Borkenkäfers ein nie dagewesenes Phänomen. Es war geprägt durch sehr hohe Temperaturen und sehr niedrige Niederschläge, und das nach dem Sturm Friederike. Die Folge waren 2 Mio. (vielleicht sogar 3 Mio.) fm Käferholz, eine nie dagewesene Menge. Landesweit sei der nachhaltige Hiebssatz damit dennoch nicht überschritten worden, in einzelnen Betrieben allerdings schon. Zu dem Käferholz kamen vorher rund 2 Mio. fm Sturmholz hinzu. Damit wurde in der Gesamtschau der nachhaltige Hiebssatz sehr wohl überschritten.

Selbst in den Hochlagen des Sauerlands habe es drei Generationen Buchdrucker gegeben, erklärt Niesar und verdeutlicht, was das heißt: Ein Weibchen erzeugt bei einer durchschnittlichen Eierzahl von 60 in drei Generationen rund 100.000 Nachkommen, rechnet er vor. Bei 30.000 Käfern pro Baum (Hälfte Weibchen) sind das 1,5 Milliarden Nachkommen. Pro Baum. Mal 2 Millionen Bäume. Eine unvorstellbare Zahl. 2018 sind in Nordrhein-Westfalen auf diese Weise 20.000 ha Freifläche durch den Käfer entstanden

Im Oktober hat man plötzlich keine Käfer mehr unter der Rinde gefunden, dafür aber in der Rinde, in drei Schichten übereinander. 80-90% der Käfer überwintern in der Rinde, so Niesar weiter, nur der kleinste Teil im Boden. Im Wintereinschlag sollte die Rinde also tunlichst mit dem Baum aus dem Wald transportiert werden. Auch Niesar empfiehlt die 500-Meter-Regel. 93% aller Käfer schaffen nicht mehr als 500 m, sagt er.

Um den Käfer effektiv zu bekämpfen und gleichzeitig den Holzmarkt möglichst wenig zu belasten, bedürfe es einer forstschutzspezifischen Solidargemeinschaft aller Waldbesitzer. Diese habe in NRW nicht funktioniert. Einzelne Waldbesitzer wollten (verständlicherweise) bevorzugt ihr eigenes Holz aufgearbeitet sehen. Dadurch seien unnötig große Holzmengen auf den Markt gebracht worden.

Eine Zukunft für die Fichte sieht Niesar nur in Teilen des Landes, insbesondere in den Hochlagen von Sauer- und Siegerland. Bis 300 m Meereshöhe werde die Fichte definitiv nicht zu retten sein. Bis 400 m ist die Fichte gefährdet aber bedingt anbaufähig. Erst über 400 m Meereshöhe sinkt der Gefährdungsgrad und vor allem in Nordlagen ist die Fichte dort auch perspektivisch mit nur geringem Risiko anzubauen. Um die Entwicklung des Borkenkäfers möglichst genau zu beobachten, hat NRW die Zahl der Monitoring-Standorte von 20 auf 60 erhöht.

Das Jahr 2019 hat, was rein den Wasserhaushalt der Böden anbelangt, deutlich schlechter angefangen, als 2018. Anfang 2018 waren die Böden mit Wasser gesättigt (übrigens ein Grund, warum bei Friederike so viele Bäume umfallen sind). Anfang 2019 waren die Wasservorräte der Waldböden in NRW bei weitem noch nicht wieder aufgefüllt. Der Temperaturverlauf ist dem Käfer allerdings nicht entgegengekommen, so dass dessen Entwicklung in diesem Jahr langsamer verläuft. Die gute Nachricht von Niesar: „Das ist auch nicht mehr aufzuholen.“ Dennoch seien auch in diesem Jahr drei Generationen nicht ausgeschlossen.

Dr. Christof Oldenburg, Verkaufsleiter Süd bei den Niedersächsischen Landesforsten, beleuchtete die Herausforderungen in der Logistik in Zeiten von Kalamitäten. Grundsätzlich gebe es diverse Engpässe, sagt Oldenburg, zum einen die motormanuelle Aufarbeitung, zum anderen den Holztransport, zum dritten die Abnahmemöglichkeiten der Industrie und schließlich die Möglichkeiten der Holzkonservierung.

Bei der motormanuellen Aufarbeitung sei man zwingend auf Arbeitskräfte aus Osteuropa angewiesen. Da der Norden Niedersachsens wegen fehlender Fichte nicht von der Kalamität betroffen ist, habe man soweit möglich Maschinen und Personal nach Süden verlagert. Die Abnahmemöglichkeiten der Industrie sind aus Sicht eines Forstbetriebs nicht änderbar.

Zur Holzkonservierung äußerte sich Oldenburg ausführlicher. Grundsätzlich seien hier die Genehmigungswege viel zu lang, gerade was Nasslager betrifft. Etwa 70.000 fm frisches Sturmholz sind in Niedersachsen in Nasslagern eingelagert. Neue Plätze für Nasslager zu finden sei enorm schwierig. Eine Alternative sind Folienlager unter Luftabschluss. Derzeit sind 52.500 fm auf diese Weise eingelagert, sowohl Frisch- als auch Käferholz. Erste Mengen wurde nach neun Monaten ausgelagert, weil die Folie beschädigt war. Nach dieser Zeit konnte man noch 90% BC sortieren. Weitere 20.000 fm dieser Lagerform sind geplant.

Weniger gut sind sie Erfahrungen mit Folienlagern ohne Luftabschluss. Hier weist das Holz bei Auslagerung durchgehend Verfärbungen und Fäule auf. Ebenso schlecht sind die Erfahrungen mit Trockenlagern. Hier mindert vor allem Rissbildung den Wert des Holzes. Das Holz ist oft nicht mehr sägefähig.

Beim Holztransport setzen die Landesforsten verstärkt auf Eisenbahnlogistik. Man habe noch ausreichend Bahnhöfe im Süden Niedersachsens. Problem sei, dass im Moment 3-4-mal so viel Holz anfällt wie normal. „Wer bezahlt die Bahnhöfe in Normalzeiten, wenn weniger Holz anfällt?“, fragt Oldenburg. Weitere Schwierigkeiten sind die kurzen Beladefenster, die mit der LKW-Fracht koordiniert werden müssen. Die Vorfrachtkapazität durch LKW ist knapp und gerade im Winter schwierig, wenn im Harz Schneeketten aufgezogen werden müssen. Hinzu kommt die fehlende Akzeptanz der Anwohner für Dreck und Lärm.

Eine Alternative ist der Export von Fichtenrundholz per Container nach China. Werde sonst vor allem Buche auf diese Weise exportiert, so habe man im Frühjahr 2018 im Solling begonnen, auch Nadelrundholz zu exportieren. Der Export erfolgt frei Waldstraße, ausschließlich über ca. 20 Exporteure. Bislang wurden 300.000 fm Fichte per Container exportiert, allein im laufenden Jahr sind es 180.000 fm.

35.000 fm Papierholz wurden seit 2018 auch per Schiff nach Skandinavien exportiert. Diese Form des Exports ist aufgrund des mehrfach gebrochenen Transports allerdings sehr aufwändig.

Mit den massiv gestiegenen Holzmengen und dem neu aufgebauten Export geht auch die Gewinnung neuer Kunden einher, erklärt Oldenburg. Grund sei nicht, dass die Bestandskunden nicht mehr gut genug wären, sondern dass deren Aufnahmekapazität einfach bei weitem nicht ausreiche. Dieser Trend werde sich bei fortlaufender Kalamität fortsetzen. Man werde darüber hinaus nach weiteren Möglichkeiten der Holzkonservierung suchen. Als Beispiel nannte er das Forstamt Lauterberg. Dort sind 2017 4.000 - 5.000 fm Käferholz angefallen. 2018 waren es 120.000 fm.

Leonhard Nossol legte die aktuelle Holzmarktsituation aus der Sicht des größten Holzabnehmers in Deutschland, der Mercer Group, dar. Der Marktdruck sei in ganz Europa hoch, so Nossol. Auch im Baltikum sinken die Preise nach einem Höhenflug 2018 wieder. Die Industrie versuche ihren Teil zur Entlastung der Märkte zu erbringen. Mit 23 Mio. m3 sei die produzierte Schnittholzmenge in Deutschland außerordentlich hoch. Man muss dazusagen, dass die Märkte diese Menge derzeit auch zulassen. Die Baukonjunktur boomt nach wie vor. Im Zellstoffbereich fallen die Preise bereits aufgrund einer gebremsten weltweiten Nachfrage. Innerhalb von sechs Monaten fiel der Preis für Zellstoff von 1.200 EUR/t auf 1.000 EUR/t.

Die Schwierigkeiten für die Waldbewirtschaftung werden tendenziell zunehmen, so Nossol. Die Niederschläge werden generell mehr, aber auch deren Amplitude erhöht sich. Das heißt, es wird mehr Starkregen geben, aber auch mehr Dürreperioden. Das gleich gilt für die Temperaturen. Was wir 2018 erlebt haben, wird sich mit großer Sicherheit wiederholen. Die Folge sind unter anderem Waldbrände wie in Ostdeutschland oder – in viel größerem Ausmaß – Kanada. Gerade vor diesem Hintergrund halte die Waldbewirtschaftung die Wälder für die immer größere Zahl von Erholungssuchenden attraktiv. Erst die Infrastruktur durch Waldwege ermögliche Erholung im Wald, gleichzeitig kann eine Kalamität, sei es Waldbrand oder Käfer, nur mit einer guten Infrastruktur erfolgreich bekämpft werden.

Zur Holzversorgung sagte Nossol, die Fichte werden früher oder später vom derzeitigen Überschuss in einen Mangel wechseln. Die Holzindustrie sei aber im Wesentlichen auf Nadelhölzer und insbesondere die Fichte angewiesen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion erörterten Klaus Reimann (Bruno Reimann GmbH & Co. KG), Dietmar Reith (Forstunternehmen Reith e.K.), Jens Grove (Butterweck Rundholzlogistik GmbH & Co. KG) sowie die drei Redner Leonhard Nossol, Dr. Christof Oldenburg und Dr. Mathias Niesar (Bild v.l.n.r.) die Situation aus den Perspektiven Forstwirtschaft, Holzwirtschaft und Logistik. Thomas Wehner von Komatsu Forest GmbH (ganz links) moderierte die Diskussion und stellte die Eingangsfrage nach Gewinnern und Verlierern.

Als Verlierer machte die Runde die Waldbesitzer aus, mit erntekostenfreien Deckungsbeiträgen, die von rund 75 auf 25-30 Euro /fm gesunken sind. Ihnen müsse man als gesamtgesellschaftliche Aufgabe helfen, so Leonhard Nossol. Die Fördersummen, die bislang von der Politik bereitgestellt wurde, bezeichnete er als lächerlich und rechnete vor, dass man statt mit einigen zehn Millionen Euro, die bislang bereitgestellt wurden, eher mit einigen Milliarden rechnen müsse, die benötigt werden.

Verlierer ist der Waldbesitzer, dessen Waldnachbar sein Käferholz nicht erntet? Schnell war man sich einig, hier müsse eine Ersatzvornahme greifen, um das Holz zügig aus dem Wald zu bringen. Mathias Niesar sorgte für Ernüchterung durch die Schilderung eines Beispielfalles mit Androhung, Anhörung, Abwarten, Angebote einholen, Maßnahmenüberwachung und Auszahlung des Eigentümers. Mit deutschem Ordnungsrecht ist eine Ersatzvornahme demnach praktisch undurchführbar.

Auf der Gewinnerseite sieht man derzeit eher die Forstunternehmer und die Sägewerke. Die einen müssen nicht nach Aufträgen suchen, die anderen bekommen billiges Holz. Beide müssen sich jedoch bewusst sein, dass dieser Zustand nicht ewig anhält. Die Sägewerke können zudem durch ein Überangebot an Fertigware selbst schnell zu Verlierern werden. Für die Forstunternehmen, die in Selbstwerbung tätig sind wird der Stockkauf zum unkalkulierbaren Risiko.

Für den Waldbesitz sieht man auf der anderen Seite Chancen durch die vorher schon erwähnte kostenlose Standortkartierung durch den Käfer. Konsequenzen aus der jetzigen Kalamität erlauben eine Risikominimierung für die Zukunft. Neue Kunden und neue Sortimente eröffnen auch neue Marktchancen für den Waldbesitz. Man ist sich allerdings bewusst, dass die Fichte das wirtschaftliche Rückgrat der Forstwirtschaft ist und mittelfristig kein Weg an ihr vorbeiführt.

Neben der Fichte habe auch das Laubholz dürrebedingt große Schäden erklärt Dietmar Reith, der aufgrund des Einschlagsstopps für Frischholz die Lage der Forstunternehmer nicht hundertprozentig rosig sieht, zumindest nicht, wenn sie wie die Firma Reith ausschließlich in ihrer Heimatregion tätig sind.

DeSH-Hauptgeschäftsführer Lars Schmidt, der im Publikum saß, führte in diesem Zusammenhang an, dass 44% des Holzeinschlags 2018 nicht kalamitätsbedingt erfolgte. Dadurch seien 8 Mio. fm zuviel Rundholz am Markt gewesen. Auf der anderen Seite habe man infolge der Wirtschaftskrise 2008-2009 in Süddeutschland 40% der Sägebetriebe verloren. Diese Einschnittskapazität fehle heute am Markt. Für Industrieholzsortimente werden inzwischen Entsorgungsgebühren verlangt. Natürlich kommt angesichts der gigantischen unverwertbaren Holzmenge die thermische Verwertung ins Spiel. Die nächste Frage lautet aber, was ist, wenn die Kalamität vorbei ist. Reicht das Holz dann auch noch, um alle Heizanlagen zu versorgen

Im Holztransport sieht man zahlreiche Hemmnisse. Eines verortet Klaus Reimann branchenintern, und zwar in den langen Wartezeiten in den Sägewerken. Dadurch werde der LKW vom Fahrzeug zum Standzeug. Die Transportkapazität werde auf diese Weise schlecht ausgenutzt. Ein anderes sind die je nach Bundesland unterschiedlichen Tonnagen. Hier fordert die Runde eine einheitliche Regelung. In der gesamten Transportbranche verschärft sich der Fahrermangel. 2019 fehlen in Deutschland 60.000 Fahrer, sagt Klaus Reimann. Und gerade die Holzfahrer würden durch den wirtschaftlichen Druck in die Illegalität durch Überladung getrieben. „Das will niemand mehr machen“, so sein Fazit. Folge: 45% der Holzfahrer sind über 50 Jahre alt. Im Holztransport per Bahn sieht es nicht besser aus: von 2007 bis 2019 ging die Zahl der Holzwaggon bei der Deutschen Bahn von 7.000 auf 1.500 zurück.

Ist die Fichte noch zu retten?, lautetet die Schlussfrage. Und wie langen reicht die Fichte gegebenenfalls noch? Bei geschätzt 1 Mrd. fm Vorrat kam Leonhard Nossol per Überschlagsrechnung auf 35 Jahre. Dabei hat er aber den Zuwachs außer Acht gelassen. In den kommenden 50 Jahren sollte es also nach wie vor ausreichend Fichte geben. Dennoch ist die Suche nach anderen, klimaplastischen Baumarten dringend geboten. Favoriten sind Douglasie, Weißtanne, Große Küstentanne sowie Atlaszeder. Bei den Laubhölzern wird die Traubeneiche empfohlen, weniger die Stieleiche, die gegen Schädlinge und Eichensterben empfindlicher ist. Klar sei, dass ohne Nadelholz die Sägeindustrie abwandern werde.

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