39. Freiburger Winterkolloquium: Wald und Holz im Kampf gegen den Klimawandel

13. März 2019
Quelle:
Fordaq MK
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39. Freiburger WinterkolloquiumAm 24. und 25. Januar fand in Freiburg das alljährliche Winterkolloquium Forst und Holz statt, diesmal mit dem provokanten Titel „Heizt die Forst- und Holzwirtschaft dem Klima ein?“. Etwa 250-300 Teilnehmer waren nach Freiburg gekommen. Der erste Tag stand im Zeichen des Waldbaus und seiner Rahmenbedingungen. Klar wurde, dass selbst auf europäischer Ebene allein wenig bis nichts gegen den Klimawandel ausgerichtet werden kann. Am zweiten Tag stand der Holzbau im Mittelpunkt. Man war sich einig, dass die nationalen Klimaziele nur mit einer intelligenten Verwendung von Holz erreicht werden können.

Prof. Dr. Marc Hanewinkel von der Uni Freiburg bildete den Auftakt der Veranstaltung. Er verweist auf Forschungen, nach denen die CO2-Aufnahme der Wälder plus Holznutzung der EU von derzeit 569 Mio. t jährlich, rund 13% der gesamten CO2-Emissionen, um weitere 440 Mio. t, damit weitere 10% der Emissionen, gesteigert werden kann. Hanewinkel warnt vor einseitigen Nutzungseinschränkungen in der EU. Die führen zu Carbon Leakage, also (möglicherweise nicht nachhaltigen) Holznutzungen in anderen Teilen der Welt. Die Sequestrierung, also Aufnahme, von Kohlenstoff in der Waldbiomasse in der EU stagniert laut anderen Forschungen seit den 90er Jahren bei etwa 350 Mio. t pro Jahr. Das legt den Schluss nahe, dass dieser Wert direkt mit der Neugründung von Waldflächen zusammenhängt. Gleichzeitig nehmen bereits seit den 1970er Jahren die Schadholzmengen aufgrund von Stürmen, Borkenkäfer und Waldbränden stetig zu, insbesondere im Mitteleuropa, das innerhalb Europas die größten Holzvorräte aufweist, vor allem Deutschland und der Alpenraum. Die größte Dichte an Sturmereignissen liegt genau in diesem Raum. Für die Steigerung der CO2-Bindung sei eine „Klimaintelligente Forstwirtschaft“ nötig, eine intelligente Kombination von Nutzung und Nicht-Nutzung. Diese sei nur durch internationale Kooperation, mindestens auf EU-Ebene, zu erreichen, nach dem Motto: „I will if you will.“ Besonders für Länder mit hohen Holzvorräten wie Deutschland ist eine solche Kooperation besonders wichtig.

Prof. Sebastiaan Luyssaert von der Freien Universität Amsterdam hat die Klimaeffekte von 250 Jahren Forstwirtschaft in Europa untersucht und kommt zu dem ernüchternden Ergebnis: Die europäischen Wälder können dem Klimawandel praktisch nichts entgegensetzen. Klimawandel geht verkürzt so: Kurzwellige Strahlung (Licht) trifft auf Oberflächen und wird zu einem mehr oder weniger großen Teil in langwellige Strahlung (Wärme) umgewandelt. CO2, das 2018 mit einem Rekordwert von 407 ppm in der Atmosphäre enthalten ist, hindert die Wärme am Entweichen in den Weltraum. CO2 ist aber nicht alles: Manche Oberflächen reflektieren das Licht direkt, so dass gar nicht erst Wärme gespeichert wird, z.B. Wolken oder Wüstenboden. Wälder setzen Wasserdampf und Aerosole frei und fördern so die Bildung von Wolken, die das Licht bereits in der Luft reflektieren und so die Erzeugung von Wärme verhindern. Dieses Reflexionsvermögen, Albedo genannt, ist im Wald bei Laubbäumen höher als bei Nadelbäumen. Es hat sich in europäischen Wäldern durch Nadelholzaufforstungen nach dem 2. Weltkrieg verschlechtert. Nadelbäume nehmen dafür mehr CO2 auf als Laubbäume. Luyssaert führte verschieden Modellrechnungen durch, mal mit optimierter Albedo (dafür müsste man ganz Skandinavien in Laubwald umwandeln), mal mit optimierter CO2-Senke (dafür müsste der komplette Balkan in Nadelwald umgewandelt werden). Das Ergebnis: keines der Szenarien hatte Einfluss auf die Atmosphärentemperatur. Lediglich für Skandinavien ergab sich bestenfalls ein Minimaleffekt der Dämpfung des Temperaturanstiegs um -0,4°C. Luyssaerts Schlussfolgerung: Wenn das Rechenmodell nicht komplett falsch ist, sind Europas Wälder einfach zu klein um an der Klimaerwärmung etwas auszurichten. Das macht deutlich, dass nicht einmal die von Hanewinkel vorher geforderte europaweite Kooperation etwas bringen würde. Denn es geht beim Thema Klimawandel immer um die gesamte weltweite Atmosphäre. Andersherum hat der Verlust von Wäldern auch lokal und regional dramatische Folgen, wie Luyssaert am Beispiel von Südwestfrankreich zeigt. Dort hatte Sturm Klaus 2005 große Waldflächen vernichtet. In der Folge gab es dort neun Jahre lang keine lokale Wolkenbildung. Wolken, die Licht reflektieren und dadurch Wärmebildung vermeiden. Luyssaert hat in die Forstwirtschaft in Europa seit 1750 auf ihre Wirkung zur Milderung des Klimawandels untersucht und kommt zu dem Schluss, dass die Forstwirtschaft in Europa und die Änderung der Baumartenzusammensetzung sogar zu einer leichten Erhöhung der Atmosphärentemperatur geführt haben. Luyssaerts Appell an die Forst- und Holzwirtschaft ist deshalb, vor lauter Klimawandel-Hype die anderen ebenso wichtigen Waldfunktionen nicht aus dem Blick zu verlieren. Wichtiger sei, die Wälder an den Klimawandel anzupassen.

Prof. Dr. Jürgen Bauhus von der Uni Freiburg berichtete über das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Waldpolitik beim Bundeslandwirtschaftsministerium. Auch Bauhus betonte die Bedeutung internationaler Abkommen bei der Bekämpfung des Klimawandels. Bis 2050 wollen Deutschland und die EU die Emissionen gegenüber 1990 um 80-95% reduzieren. In Deutschland stagnieren die Emissionen seit 2011 mehr oder weniger. Was die Energiewirtschaft weniger produziert, erzeugen Verkehr und Industrie mehr. Um die gesteckten Ziele zu erreichen sind laut allen Rechenmodellen negative Emissionen, d.h. CO2 muss gebunden statt ausgestoßen werden. Das, so Bauhus, sei aber reine Zukunftsmusik. Die zentralen Erkenntnisse des Beirats sind, dass die CO2-Senkenleistung des Waldes durch Erhalt und Mehrung der Waldfläche sowie eine optimierte Baumartenzusammensetzung mit ca. 70% Nadelholz gesteigert werden muss. Waldmoore müssen renaturiert werden. Gleichzeitig muss die die industrielle Verarbeitung von Holz deutlich effizienter, mehr Holz in langlebigen Produkten eingesetzt und mehr Altholz in der Kaskade eingesetzt werden.

Auf viel Widerspruch stieß der Vortrag von Dr. Hannes Böttcher von Öko-Institut e.V. Das Waldbau-Zukunftskonzept „Waldvisionen“ trug zu eindeutig die Handschrift des Auftraggebers Greenpeace. So geht das Modell von einer extremen Vorratsanreicherung im Wald von bis zu 600 Vfm/ha im Mittel aus. Das, so die überwiegende Meinung der Fachleute, wäre gerade im Angesicht zunehmender Risiken durch Stürme und Schadinsekten wirtschaftlicher Selbstmord. Das Modell geht von einer reduzierten Holznutzung und von einer verstärkten CO2-Speicherung in der Waldbiomasse aus. Laut den Modellrechnungen steigt das CO2-Bindung gegenüber dem Basisszenario dadurch um 28%.

In den folgenden beiden Vorträgen von Mechthild Caspers (Bundesumweltministerium) und Dirk Alfter (Bundeslandwirtschaftsministerium) wurden die Gegensätze der beiden Ministerien in den Ansätzen zur Bekämpfung des Klimawandels deutlich. Während man im Umweltministerium auf eine CO2-Senke vor allem in der Waldbiomasse und eine Reduzierung der Holznutzung setzt, propagier man im Landwirtschaftsministerium eine verstärkte Holznutzung im Holzbau. Einig ist man sich in der Verlängerung von Lebenszyklen von Holzprodukten. Besonderer Kritikpunkt am Vortrag von Mechthild Caspers war, dass die Substitutionsleitung von Holzprodukten im Hinblick auf Produkte fossiler Herkunft bei Klimabilanzierung des Umweltministeriums nicht berücksichtigt wird. Jeder Sektor müsse seine Klimaziele für sich getrennt erreicht, so Caspers zur Erklärung.

Der zweite Tag des Winterkolloquiums stand ganz im Zeichen des Holzbaus. Er wurde eröffnet von Baden-Württembergs Forstminister Peter Hauk. Er erteilte allen weiteren Flächenstilllegungen im Wald eine Absage. Dies bleibe auch so, bis bewiesen sei, dass Wirtschaftswälder schädlich für die Biodiversität sind. Der Klimaschutz habe Vorrang vor der Biodiversität. Man müsse den Holzbau als Kohlenstoffspeicher stärker in Betracht ziehen. Deshalb habe Baden-Württemberg seine Holzbauoffensive gestartet. Ohne eine intelligente Holzverwendung seien die gesteckten Klimaziele nicht erreichbar. 2019 soll in Baden-Württemberg zudem ein Technikum Laubholz umgesetzt werden, um Wege für eine adäquate stoffliche Verwendung für die Buche zu finden. 20 Mio. Euro sollen pro Jahr für die Laubholzforschung bereitgestellt werden.

Prof. Dr. Dr. h.c. Alfred Teischinger vom Institut für Holztechnologie der Universität für Bodenkultur Wien analysierte die Schwierigkeiten des Werkstoffs Holz, aber vor allem auch seine Potenziale. Die größte Schwierigkeit ist historisch bedingt: „Holzbau hat keine Ikonen!“, sagt er. Stein hat den Kölner Dom, Stahl den Eiffelturm und Stahlbeton ein ganzes Regiment hoher und höchster Gebäude und Staudämme. Holz fange jetzt erst langsam an Ikonen zu schaffen. Dabei bringe Holz die denkbar besten Eigenschaften mit: Sein Verhältnis zwischen Gewicht und Biegefestigkeit ist unschlagbar und die Verarbeitungskosten sind, je nach Holzprodukt unterschiedlich, vergleichsweise gering. Technologisch sei man im Holz aber nach wie vor in der Steinzeit, mit Verfahren, die riesige Mengen Sägespäne und Verschnitt produzieren. Auch die Holzbiegetechnologie sei beim Thonet-Stuhl (1859) stehengeblieben. Hier liegt nach Teischingers Worten noch ein riesiges Potenzial brach.

Dr. Alexandra Purkus vom Thünen-Institut sieht als Hemmnis für den verstärkten Holzbau die hohe Komplexität der rechtlichen Situation aufgrund der Interaktion von EU-, Bundes- und Landesrecht. Die geltenden Bauordnungen schließen bestimmte Bauweisen oder Einsatzbereiche für Holzbauprodukte nach wie vor aus. Abweichungen sind auf Antrag möglich. Darüber hinaus bestehen oft Informationsdefizite hinsichtlich der Einsatzmöglichkeiten von Holz. Die Marktpreise spiegeln dazu die Umweltkosten von Baustoffen nur unzureichend wider. Eine CO2-Steuer könnte hier Abhilfe schaffen. Eine weitere große Herausforderung sei sie Überwindung von Pfadabhängigkeiten, so Purkus. Dazu gehört das Beschaffungsnetzwerk ebenso wie die klassische Ausbildung zum Bauingenieur.

Fazit

Der Kampf gegen den Klimawandel ist nur eines von vielen guten Argumenten, warum man nachhaltige Forstwirtschaft betreiben und mit Holz bauen sollte, auch wenn ohne ihn die politische Aufmerksamkeit, die Wald und Holz zuteilwird, kaum so groß sein dürfte, wie sie derzeit ist. Holz ist nach wie vor im Nachteil gegenüber anderen Baustoffen, da es rechtlich noch nicht voll etabliert ist und Ausbildungs- und Beschaffungspfade oft noch am Holz vorbeigehen.