HDH: Holzindustrie stellt Forderungen an deutsche und europäische Politik

17. April 2019
Quelle:
Fordaq MK
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HDH Pressereise 2019Im Rahmen seiner jährlichen Pressereise richtete der Hauptverband der Deutschen Holzindustrie (HDH) in Person seines Präsidenten Johannes Schwörer ein ganzes Bündel von Forderungen an die Politik. Zum weiteren Ausbau der Holznutzung müsse die Charta für Holz 2.0 mit angemessenen finanziellen Mitteln ausgestattet werden. Verstärkte Forschung nach neuen Verbund- und Hybridwerkstoffen oder Produkten mit einem recyclinggerechten Design sei nötig. Um weitere Anreize für die Holzverwendung zu setze müsse der Mehrwertsteuersatz für Holzbauprodukte – analog zu anderen pflanzlichen Produkten – au f 7% gesenkt werden. In den Bauordnungen müsse der Werkstoff Holz gegenüber anderen Baumaterialien gleichgestellt werden. Und es bedürfe verbindlicher Standards für die Darstellung von Inhaltsstoffen, um Verbrauchern eine informierte Kaufentscheidung zu ermöglichen.

Um vergleichbare Bedingungen in der EU herzustellen, plädiert Schwörer für einheitliche Messmethoden für Holzstäube. Ein einheitlicher Grenzwert führe bei den derzeit unterschiedlichen Messmethoden zu einer Fragmentierung des EU-Binnenmarkts. Auch für Holzwerkstoffe fordert der HDH verbindliche gesetzliche Grenzwerte und einheitlichen Prüfbedingungen. Strukturfonds der EU hätten durch ihre Langfristigkeit zu Wettbewerbsverzerrungen geführt, erklärte Schwörer mit Blick auf die umfangreichen Investitionen und damit einhergehenden Kostenvorteile in der polnischen Möbelindustrie. Diese Wettbewerbsverzerrungen müssten überwunden werden.

Um die Rohstoffversorgung auf europäische Ebene zu sichern, müsse sich EU insbesondere gegenüber Ländern wie Russland, Weißrussland und der Ukraine für eine Abschaffung von Marktzugangsbeschränkungen einsetzen. Die Deutsche Holzindustrie setze sich zudem für eine Ausweitung des Anwendungsbereichs der EUTR ein. Das schaffe Rechtssicherheit und verhindere Wettbewerbsverzerrungen. EU-Freihandels- und Partnerschaftsabkommen müssen immer auch den Interessen kleiner und mittlerer Unternehmen Rechnung tragen, so eine weitere Forderung.

HDH 2019 Jan Kurth und Johannes Schwörer width=

HDH-Präsident Johannes Schwörer (re.) richtete Forderungen an die Politik. Hauptgeschäftsführer Jan Kurth gab einen Marktüberblick. (Foto: Marc Kubatta-Große)

Vor dem Hintergrund des herrschenden und sich verstärkenden Fachkräftemangels fordert Schwörer von der Bundesregierung eine rasche Umsetzung der Fachkräftestrategie. Es bedürfe Qualifizierungsangebote für entsprechend geeignete Personen, insbesondere auch Flüchtlinge mit Bleiberecht. Schwörer berichtet in diesem Zusammenhang von guten Erfahrungen mit Flüchtlingen in seinem eigenen Unternehmen.

Abschließend fordert der HDH eine Verbesserung der Infrastruktur in ländlichen Raum. Dazu gehören medizinische Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten, Bildung und Kultur ebenso wie ein flächendeckender Breitbandausbau. Nur so könne der ländliche Raum, in dem sich der weit überwiegende Teil der Unternehmen der Holzindustrie befindet, für Arbeitgeber und Arbeitnehmer attraktiv gehalten werden.

Jan Kurth, Hauptgeschäftsführer des HDH, gab einen kurzen Marktüberblick über die Holzindustrie. Demnach wuchs die deutsche Holzindustrie 2018 um 2,5% auf einen Umsatz von 36,5 Mrd. Euro. Das Segment mit dem stärksten Wachstum ist demnach die Holzverpackung mit +23%, die mit einem Umsatz von 0,9 Mrd. Euro allerdings vergleichsweise klein ist. Es folgen die Sägewerke mit +8,2% und einem Umsatz von 4,9 Mrd. Euro. Der baunahe Bereich belegt dank der überdurchschnittlichen Holzbaukonjunktur den dritten Platz mit einem Umsatzplus von 4,9%. Er ist mit einem Anteil von 16% oder 6 Mrd. Euro Umsatz die zweitgrößte Sparte der Holzindustrie. Der größte Bereich, die Möbelindustrie mit einem Umsatz von 18 Mrd. Euro, erzielte ein Umsatzplus von 0,7%. Dieses Plus ist den Sparten Küche und Büro zu verdanken. Leicht im Minus befindet sich die Holzwerkstoffindustrie, deren Umsatz um 1,4% auf 4,8 Mrd. Euro zurückging.

Die Zahl der Betriebe mit über 50 Mitarbeitern legt 2018 um 0,1% auf 922 Unternehmen zu. Die Zahl der Mitarbeiter stieg um 2,4% auf 156.685.

Für das Jahr 2019 geht der HDH von einer konjunkturellen Seitwärtsbewegung oder bestenfalls einem leichten Wachstum aus, aufgrund der Bau- und Binnenkonjunktur. Das allgemeine Wirtschaftswachstum verlangsamt sich nach den jüngsten Prognosen spürbar. Der private Konsum wird voraussichtlich stabil bleiben. Für die Baukonjunktur erwartet der HDH 2019 eine Eintrübung, allerdings auf hohem Niveau.

Vor dem Hintergrund der Kalamitäten der vergangenen Monate geht der HDH nicht von einer Verknappung marktgängiger Sortimente insbesondere in der Fichte aus. Lediglich die Eiche wird seit mehreren Jahren zunehmend knapper.

HDH 2019 Hymer

In jedem Hymer Freizeitfahrzeug steckt etwa ein halber Kubikmeter Holz (Foto: Marc Kubatta-Große)

Das Marktgespräch des HDH wurde umrahmt von einer Pressereise, die zu drei Firmen in Baden-Württemberg führte. Hymer in Bad Waldsee ist der führende europäische Hersteller von Freizeitfahrzeugen und wurde zum 1. Februar 2019 vom US-Marktführer Thor Industries übernommen. Die Produktion bei Hymer hat eine Kapazitätsgrenze erreicht. Die Anzahl der gebauten Fahrzeuge hat sich in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt, von ca. 6.000 auf ca. 11.000, davon gut 5.000 Wohnmobile, gut 3.500 Caravans und gut 1.500 CamperVans. Das sind pro Jahr 10-15% mehr. Noch arbeitet man in einer Schicht. Bald könnte eine zweite nötig werden. Derzeit kommt eine sogenannte „rollierende Wechselschicht“ zum Einsatz. Jeder Mitarbeiter arbeitet nur vier Tage die Woche, schafft aber an diesen Tagen die komplette Wochenarbeitszeit von 38 Stunden. Gearbeitet wird aber an fünf Tagen. Hymer braucht dafür 20% mehr Arbeitskräfte und kommt damit auf eine 47-Stunden-Woche. Ab 2021 will Hymer zudem eigene Chassis bauen. Diese werden bislang komplett von Fiat und Mercedes-Benz zugeliefert. 6.000 Chassis sollen dann bei Hymer pro Jahr vom Band laufen. 10 Mio. Euro investiert das Unternehmen dafür und wird 40 neue Mitarbeiter benötigen. Der Aufbau jedes Freizeitfahrzeugs besteht übrigens zu rund 30% aus Holz, fast ausschließlich Sperrholz. In jedem Fahrzeug ist etwa ein halber Kubikmeter verbaut.

HDH 2019 Staud

Staud ist Marktführer für Schalfzimmer-Schwebetürenschränke (Foto: Marc Kubatta-Große)

Die zweite Station war der zur Vivonio Gruppe gehörige Möbelhersteller Staud in Bad Saulgau. Die Martin Staud GmbH ist deutscher Marktführer für Schwebetüren-Schlafzimmerschränke und produziert rund 100.000 dieser Schränke pro Jahr. Die Schränke werden von den unterschiedlichen Möbeleinkaufsverbünden unter jeweiliger Hausmarke verkauft, so dass Staud als Marke im Markt nicht auftaucht. Staud hat vor kurzem eine neue Halle errichtet und nimmt dort derzeit eine neue Linie zur Produktion von Schwebetüren in Betrieb. Die Investition für die neue Linie beträgt 3,5 Mio. Euro, einschließlich der Halle rund 10 Mio. Euro. Die Vivonio Gruppe besteht aus sieben Unternehmen an acht Standorten.

HDH 2019 Schwörer

Zwei Flying Spaces als Anbau an der neu errichteten Produktionshalle bei Schörer-Haus (Foto: Marc Kubatta-Große)

Letzte Station war Schwörer Haus in Hohenstein-Oberstetten. Dort ist eine neue Werkshalle fast fertiggestellt, in der ab sofort die unter dem Namen Flying Spaces bekannten Raummodule produziert werden. Deren Produktionskapazität soll durch die neue Produktionslinie auf 100 Stück pro Jahr steigen. Seit Produktionsstart 2011 wurden bislang insgesamt 200 Flying Spaces gebaut. Daneben werden in der neuen Halle, die 145 m lang, 40 m breit und 15 m hoch ist, Deckenelemente für alle Schwörer-Häuser produziert. Pro Woche verlassen durchschnittlich 18 Schwörer-Häuser das Werk. Das sind etwa 1.000 im Jahr. 11 Mio. Euro hat Schwörer in die neue Halle investiert. Die Flying Spaces können als Anbau an bestehende Gebäude, als Aufstockung oder freistehend als komplett neues Gebäude, bestehend aus einem oder mehreren Flying Spaces, eingesetzt werden. Johannes Schwörer sieht besonders in der Aufstockung großes Potenzial für die Flying Spaces. Er kann sich in Zukunft auch vorstellen, derartige Module zwischen zwei Häuser zu hängen: „Wir haben ja genug Straßenschluchten.“ Die Kosten für die Module, die nach Aufbau sofort bezugsfertig sind, liegen bei 2.200-2.500 EUR/m2. Weitere 1,5 Mio. Euro hat Schwörer in seine BSH-Produktion investiert. Dort wurde ein neuer Goldeneye-Scanner sowie eine neue Keilzinkenanlage installiert. Ein Anliegen, dass Johannes Schwörer besonders unter den Nägeln brennt, ist der Fachkräftemangel, und kombiniert damit, die Flüchtlingssituation in Deutschland. „Über klassische Werbung bekommen wird Null Bewerbungen“, so Schwörer. Neueinstellungen seien derzeit ausschließlich über Empfehlungen bestehender Mitarbeiter möglich. Vor diesem Hintergrund sei es ein Skandal, dass arbeitswillige Asylbewerber an der Arbeit gehindert und gegebenenfalls abgeschoben werden. 2017 habe man bei Schwörer zehn Flüchtlinge in Ausbildung genommen. „Von denen sind acht noch da“, sagt Schwörer.