NHN-Tagung: Risikomanagement im Cluster Forst und Holz

05. Juli 2019
Quelle:
Fordaq MK
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Wie geht die Forst- und Holzwirtschaft mit der derzeitigen Krise um?

NHN-Tagung Juni 2019Am 27. Juni 2019 fand in Göttingen die Tagung „Risikomanagement im Cluster Forst & Holz“ statt, veranstaltet vom Kompetenznetz für Nachhaltige Holznutzung (NHN). 278 Teilnehmer kamen nach Göttingen. Thema war die Bewältigung der aktuellen Sturm-, Dürre- und Borkenkäferkrise und vor allem Maßnahmen, um einer weiteren derartigen Krise vorzubeugen.

Denn ersteres ist Krisenmanagement, in dem sich die Branche gerade befindet. Zweiteres ist Risikomanagement und ein Fazit der Veranstaltung war, soviel vorweg, dass es ein solches praktisch nicht gibt und die Forst- und Holzindustrie einer Krise wie der derzeitigen Kalamität nach wie vor in weiten Teilen völlig unvorbereitet und hilflos gegenübersteht.

Was ist Risikomanagement?

Prof. Dr. Carola PaulNach der Begrüßung durch Prof. Dr. Bernhard Möhring, dem Vorsitzenden des NHN und Erwin Taglieber, Holzbauunternehmer und Vertreter der Plattform Forst &Holz sowie Grußworten von AGDW-Vizepräsident Norbert Leben und dem KIWUH-Geschäftsführer Marcus Kühling erklärte Prof. Dr. Carola Paul von der Uni Göttingen, was Risikomanagement eigentlich ist. Risiko bezeichnet allgemeinsprachlich den möglichen negativen Ausgang eines Wagnisses. Wissenschaftlich ist es die Abweichung, positiv oder negativ, von einem definierten Betriebsziel. Jeder Forstbetrieb muss ein gewisses Risiko eingehen, um seine Ziele zu erreichen. Die Frage ist, ob das Risiko als akzeptabel eingestuft wird. Eine konkrete Frage wäre derzeit beispielsweise, wieviel Fichte man in der nächsten Waldgeneration anbaut, angesichts einer zunehmend steigenden Ausfallwahrscheinlichkeit, die der Wahrscheinlichkeit attraktiver Erlöse gegenübersteht.

Klas SanderKlas Sander arbeitet für die Weltbank und erstellt Risikoanalysen vor Investitionen in verschiedenen Ländern, unter anderem auch in den Forstsektor. Dabei sind einerseits klimatische Faktoren andererseits auch gesellschaftliche Entwicklungen und öffentliche Planungen von Belang. Alles zusammen ergibt ein Risikoprofil für die beabsichtigte forstliche Nutzung. Dabei spielen auch Möglichkeiten der Risikovermeidung (Rücklagen, staatliche Fonds) oder des Risikotransfers (Versicherungen) eine Rolle.

Verwerfungen am Holzmarkt – Kommt nach der Fichte die Buche unter die Räder?

Klaus JänichKlaus Jänich, Verkaufsleiter und Vizepräsident der Niedersächsischen Landesforste sprach über Verwerfungen auf dem Holzmarkt und Möglichkeiten, den Holzmarkt durch Konservierung von Rundholz zu entlasten. Je nach Quelle sind in Deutschland und seinen Nachbarländern zwischen 70 bis über 100 Mio. fm Schadholz seit Herbst 2017 angefallen. Aus Polen und Tschechien, beide stark von Sturm und Käfer betroffen, wurde 2018 mehr importiert als in den Jahren davor. Dafür stiegen die Exporte nach Österreich und nach China.

Die Langholzkunden, sprich kleinere Sägewerke, haben 2018 bei den Landesforsten weniger Holz gekauft als zuvor. Dafür sei der Absatz von Abschnitten stark gestiegen, so Jänich. Vor allem Palettenhersteller erleben ein massives Überangebot an Rohware: Ehemaliges Sägerundholz, das aus der Normalqualität herausgefallen ist. Der Überseetransport nach China wurde massiv gesteigert. Jänich sieht darin zwar einen Ausweg in der aktuellen Situation, aber auch ein Risiko: Was, wenn China auf einmal kein Holz mehr abnimmt? Dennoch wird der Fernexport 2019 drastisch zunehmen und Jänich machte klar: die gewonnenen Kunden in China werden auch nach der Krise nicht einfach verschwinden. Eine dramatische Holzentwertung in der zweiten Jahreshälfte 2018 verstopft seitdem den Industrieholzmarkt.

Ein Mittel, um den Rundholzmarkt zu entlasten, sind Konservierungslager. Die Landesforsten wenden Nasslager sowie Folienlager mit und ohne Luftabschluss an. Nasslager kosten für die Ersteinrichtung etwa 10 EUR/fm, und im Unterhalt 10-15 EUR/fm. Nicht bewährt haben sich in der aktuellen Situation Folienlager ohne Luftabschluss. Bei ihnen wird die Folie lediglich im umliegenden Boden fixiert. Die Verdunstung aus dem Boden sorgt dann für eine Dauerberegnung. 2018 war es jedoch zu trocken und die Wasserzufuhr aus dem Boden unzureichend. Das so gelagerte Holz ist verdorben. Besser bewährten sich Folienlager mit Luftabschluss, das sogenannte Woodpacker System. Es kostet etwa 10-15 EUR/fm und die Hölzer werden zuverlässig frisch gehalten. Ein großes Problem ist die Akquirierung neuer Flächen für Pufferlager, sei es aufgrund von wasser- oder naturschutzrechtlichen Hindernissen, oder weil der Flächeneigentümer nicht mitspielt.

Für die Holzlogistik sieht Jänich einen Bedarf an Management von Holzbahnhöfen. Ein solcher Manager müsste definieren, was benötigt wird, um einen Holzbahnhof zu erhalten und ein System entwickeln, wie die Holzbahnhöfe optimal ausgenutzt werden können.

Neben der Gefahr für die Fichte sieht Jänich auch die Buche ernsthaft bedroht. In Niedersachsen falle die Buche durch Trockenheit flächenhaft aus, insbesondere auf trockenen Köpfen und Südlagen. Dieser Tage haben die Landesforsten eine Begutachtung der betroffenen Buchen mit Kunden durchgeführt, inwieweit die Bäume noch sägefähig oder zumindest noch als Industrieholz verwendbar sind. Ein großes Problem sei die Weißfäule, die die Buchen aus noch unbekannter Ursache im Kronen- und Stammbereich befällt.

Ein Absage erteilte Jänich jeder Art von Langfristverträgen, die offenbar seitens der Holzindustrie an die Landesforsten herangetragen wurden. Man habe aus den Klausner-Verträgen gelernt.

Herausforderungen für die Holzindustrie

Lars SchmidtLars Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Deutsche Säge- und Holzindustrie Bundesverbands DeSH, sieht in der Klimaerwärmung Herausforderungen und Chancen für die Holzindustrie. Den größten Anteil der CO2-Emissionen verursachen Gebäude. Hier herrsche ein riesiger Nachbesserungsbedarf, eine Chance für Holzbau und Dämmstoffe aus Holz, so Schmidt.

Akut gebe es Herausforderungen wie den Zusammenbruch des Marktes für Sägenebenprodukte aufgrund des hohen Aufkommens geringwertiger Hölzer. Die Kommunikation im Cluster, gerade in einer Krise wie der jetzigen müsse koordiniert werden. Kommunikationsführer sind derzeit die öffentlichen Medien mit einer ausschließlich negativen Kommunikation. Und auch organisatorisch stehe es nicht zum Besten, wie Genehmigungszeiträume für Auflastungen von LKW von bis zu 45 Wochen zeigen.

Längerfristige Herausforderung durch den Klimawandel seien die sich ändernden Holzeigenschaften. Die Bäume wachsen bei höheren Temperaturen schneller. Dadurch ändern sich die Festigkeitseigenschaften. Die bisherigen Normen für Festigkeit passen damit nicht mehr zum Holz, das im Wald wächst. Die Festigkeit wird geringer. Die Normen müssen angepasst werden.

Fairer Umgang auch in der Krise

Vera Butterweck-KruseEinen fairen Umgang der Marktpartner untereinander in Normalzeiten wie auch in der Krise mahnte Vera Butterweck-Kruse an. Sie ist Geschäftsführerin der Butterweck Rundholzlogistik GmbH & Co. KG sowie Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Dachverbandes der Forstunternehmer DFUV.

Forstliche Dienstleister sind als Forstunternehmer, Holztransporteure oder Holzhändler tätig, teils auch in mehreren oder allen dieser Teilbereiche. Durchschnittlich haben sie 5-7 Mitarbeiter. Butterweck-Kruse kritisierte, dass in Normalzeiten sogenannte All-in-One-Unternehmer, die alles anbieten, vom Forst eher kritisch betrachtet werden. In der Krise seien sie dagegen als Problemlöser willkommen, gerade wenn sie das aufgearbeitete Rundholz selbst kaufen.

In Normalzeiten werden hohe Anforderungen an die technische Ausrüstung und die Zertifizierung gestellt. Unter Krisenbedingungen sei beides plötzlich nicht mehr so wichtig. Auch werden Aufträge nicht mehr wie sonst üblich per Ausschreibung, sondern direkt vergeben. Von den Unternehmern werde in der Krise eine Skalierbarkeit von Maschinenkapazitäten und Personal erwartet, die schlicht nicht leistbar sei. Nach der Krise sollen derart aufgebaute Kapazitäten dann wieder abgebaut werden. Durch eigene Maschinen der Waldeigentümer werde das Angebotsvolumen für Forstunternehmer zusätzlich dauerhaft eingeschränkt

Generell gebe es einen Mangel an Kapazität sowohl in der Holzaufarbeitung als auch in der Holzlogistik. Die nach Bundesländern unterschiedlichen Tonnageregelungen für Holz-LKW sorgen für Schwierigkeiten, ebenso wie ein Mangel an Holzverladebahnhöfen und versiertem Bahnpersonal zur Waggonabfertigung. Bei der Holzaufarbeitung habe man mit uneinheitlichen Aufarbeitungsstandards und naturschutzfachlichen Auflagen sowie einer inkonsequenten Umsetzung von Zertifizierungsvorschriften zu kämpfen.

Abschießend bilanziert Butterweck-Kruse: Risikomanagement dient der im Wesentlichen Absicherung der Existenz. Die Frage sei nur: Wessen Existenz? Sie kommt dem Schluss: Es kann nur um die Existenz des gesamten Clusters Forst & Holz gehen.

Keine Baumart ist risikofrei

Dr. Martin RohdeWer immer noch glaubte, es gebe eine Baumart, die ein Klima-Ruhekissen für die nächste Waldgeneration darstellt, dem wurde dieser Zahn durch Dr. Martin Rohde von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt gezogen. Er stellte klar: „Es gibt keine Baumart ohne Risiko.“

Bei der Fichte ist es der Borkenkäfer, bei der Kiefer das Diplodia-Triebsterben, bei der Eiche der Schwamm- und der Eichenprozessionsspinner. Darüber hinaus kommen Eiche und derzeit vor allem die Buche auch ganz ohne Schädlinge in Trockenstress bis hin zu flächigen Absterbeerscheinungen bei der Buche. Dazu kommen eingeschleppte Krankheiten wie das Eschentriebsterben oder ganz neu die Rußrindenkrankheit beim Ahorn, zu deren Entwicklung und Ursachen man noch kaum etwas sagen kann.

Für die Zukunft müsse gelten, das Risiko durch eine breite Palette von Baumarten zu verteilen. Hinzu komme die Beibehaltung bewährter Forstschutzverfahren, die Entwicklung und er Aufbau von Früherkennungssystemen sowie die Weiterentwicklung von Monitoring- und Meldesystemen. Als ultima ratio seien Pflanzenschutzmittel anzuwenden. Insbesondere biologische Pflanzenschutzmittel seien neben dem integrierten Pflanzenschutz weiterzuentwickeln.

Waldbau klimabedingt umsteuern

Constantin von WaldthausenAls Folge des Kalamitätsjahrs 2018 hat Constantin von Waldhausen, Leiter des Klosterkammerforstbetriebs in Niedersachsen, den Waldbau umgesteuert. In den Klosterforsten war praktisch ausschließlich die Fichte betroffen, meist in Reinbeständen, Laubbeimischungen blieben stehen, Nadelbeimischungen wirkten stabilisierend, Gliederungslinien wirkten sich positiv aus. Entsprechende Erkenntnisse nahm man als Grundlageninformation für die Wiederbewaldung zur Kenntnis. So werden führende Fichtenbestände mit mindestens 30% Beimischung anderer Baumartengeplant. wurde nach geeigneten Vermarktungswegen gesucht.

Bei der Holzvermarktung ist ein intaktes Forststraßennetz und eine effektive Transportlogistik (LKW, Bahnhöfe, …) unerlässlich. Holzkäufer müssen lokal überregional und international akquiriert werden. Beides ist für kleinere Waldbesitzer ohne forstlichen Zusammenschluss unmöglich.

Die Arbeiten innerhalb des Forstbetriebs müssen mit festen Gebietszuweisungen erfolgen, für klare Verantwortlichkeiten. Regelmäßige Erfolgskontrolle, Marktanalyse und Nachsteuerung ist nötig.

Die Forstwirtschaft ist von Klimaverwerfungen erheblich stärker betroffen als die Landwirtschaft, betont von Waldthausen. In der Landwirtschaft sinken die Erträge durch Klimaschäden, der Preis steigt, die Schäden werden teilweise kompensiert. In der Forstwirtschaft steigt die Erntemenge bei sinkender Qualität, der Preis sinkt, der Schaden vergrößert sich. Die Branchenkommunikation betreffend wirbt er für mehr Ehrlichkeit (bei den gemeldeten Schadholzmengen) und Solidarität (bei den trotz Kalamität eingeschlagenen Frischholzmengen). Zudem müssen die Gemeinwohlleistungen des Waldes in Wert gesetzt werden, so von Waldthausen abschließend.

Forstpolitische Rahmenbedingungen verbessern

Karsten SpinnerKarsten Spinner von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände AGDW beurteilte zum Abschluss der Veranstaltung die forstpolitischen Steuerungsinstrumente, die für Krisen- und Risikomanagement zur Verfügung stehen. Das Forstschädenausgleichsgesetz sei seit dem Jahr 2000 nicht mehr angewendet worden und bedürfe dringend einer Überarbeitung: Grundlage müsse ein schnelles nationales Schadenmonitoring sein. Es müsse eine Rücklage ohne separaten Fonds gebildet werden können. Weitere Maßnahme müssen aus dieser Rücklage finanziert werden. Die steuerlichen Vergünstigungen müssen von der Aktivierung der Einschlagsbeschränkungen entkoppelt werden. Pflanzenschutzmittel müssen in einem vereinfachten Verfahren zugelassen werden. Hinsichtlich des Holztransports fordert die AGDW die Erhöhung des Transportgewichts, die automatisch mit der Aktivierung des Forstschädenausgleichsgesetzes einhergehen müsse, sowie eine Aufhebung des Kabotage- und des Sonn- und Feiertagsfahrverbots.

Darüber hinaus fordert die AGDW Verbesserungen in der Gemeinschaftsaufgabe für Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) sowie bei direkten staatlichen Maßnahmen, wie der Genehmigung und Förderung von Holzlagerplätzen, der Bahnverladung oder der Genehmigung von Pflanzenschutzmitteln. Auch Holz als Baustoff sollte stärker gefördert werden, so Spinner. In der Kommunikation wünschen sich die Waldeigentümer mehr Akteptanz für fremdländische, klimatolerante Baumarten und die Langfristigkeit des Waldumbaus.