Dialogtag DeSH: Waldbesitzer sehen Forstwirtschaft durch Preisverfall gefährdet

01. Oktober 2019
Quelle:
Fordaq MK
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DeSH Dialogtag 2019Am 27. September fand erstmals der Dialogtag des Deutsche Säge- und Holzindustrie Bundesverbands e.V. (DeSH) in München statt. Der Dialogtag ist die Nachfolgeveranstaltung des VHK-Sägertreffens nach der Fusion der bayerischen Fachgruppe Sägeindustrie mit dem DeSH. Im geschlossenen Teil der Veranstaltung wurden die Regionalvertreter der bayerischen Sägeindustrie in den einzelnen Regierungsbezirken gewählt. Im öffentlichen Teil stand der Klimawandel und dessen Folgen für Waldbesitzer und deren Kunden im Mittelpunkt. Mit Leuco und AdVertum gab es erstmals auch Sponsoren. Peter Fickler, Regionalbeirat für Schwaben und vor der Fusion Präsident der bayerischen Fachgruppe, moderierte die Veranstaltung.

Carsten DoehringDeSH-Präsident Carsten Doehring begrüßte die etwa 150 Teilnehmer und führte eine Standortbestimmung der Branche durch. Noch nie habe die Forstwirtschaft so viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Der Grund ist mit der Käfer- und Dürrekatastrophe ein denkbar negativer. Damit einher geht ein enormer Vermögensverlust der Waldbesitzer. Schätzungen gehen von 3 Mrd. Euro aus. „Die Standortbedingungen für die Branche werden grundlegend verändert“, so Doehring. Auf der anderen Seite erkennt das Klimakabinett das Klimaschutzpotenzial von Forst und Holz an, mit der Prämisse, dass nur bewirtschaftete Wälder dieses Potenzial voll ausspielen. Um die Branche auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu halten seien Forschung im klimaresiliente Baumarten, heimische wie fremdländische, sowie in marktgängige Laubholzprodukte, vor allem im Bauwesen, nötig.

Roland WeigertStaatssekretär Roland Weigert vom Bayerischen Wirtschaftsministerium (im Bild mit Carsten Doehring (li.) und Peter Fickler (re.)) kam in Vertretung von Minister Hubert Aiwanger, der kurzfristig abgesagt hatte. Weigert sagte, er sei selbst Waldbauer und Jäger und stehe vor Problemen wie man sie bislang nicht kannte. Es reiche jetzt nicht mehr, nur über Klimaschutz zu reden. Klimagerechtes Verhalten müsse jetzt auch praktiziert werden. Bayern werde deshalb bis Ende Oktober ein Klimaschutzkonzept vorlegen. Ein Element dieses Konzepts sei die nachhaltige Nutzung auch des Waldes. Dass die Waldnutzung in großen Teilen der Bevölkerung kritisch gesehen wird, erklärt Weigert mit einer Natursehnsucht und gleichzeitig einer Naturferne bei der Stadtbevölkerung wie es sie vorher nie gab. Daher komme der Wunsch nach einer Stilllegung des Waldes bei großen Teilen der Stadtbevölkerung. Weigert sagte ebenfalls klar, dass bei aller nachhaltigen Nutzung eine gewisse Stilllegungsquote notwendig und möglich sei. Er denke insbesondere an Auwälder und das Hochgebirge. Gleichzeitig will die bayerische Staatsregierung den Holzbau durch eine Anpassung der Bauordnung fördern sowie weitere Verwendungsmöglichkeiten für Holz, vor allem in der Bioökonomie und hier vor allem für Laubholz erschließen. Nach einem Exkurs über die allgemeine Wirtschaftsleistung in Bayern und das Ziel der Regierung, überall gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen, gerade auch im ländlichen Raum, hob er die Bedeutung mittelständischer Industrien wie der Holzindustrie hervor. Gerade in Zeiten nachlassender Konjunktur, wie sich derzeit eine entwickelt, sei der Mittelstand im ländlichen Raum besonders wichtig. Deshalb, betonte Weigert abschließend, müssten alle Waldnutzer an einem Strang ziehen hinsichtlich der Waldnutzung. Das gelte insbesondere für die Kommunikation an die Öffentlichkeit. Und es gelte, beides im Blick zu haben: den Klimaschutz und die Wirtschaftsleistung.

Josef ZieglerJosef Ziegler, Präsident des Bayerischen Waldbesitzerverbands sprach von einer Zeitenwende in den Wäldern. Er spreche ungern von Klimawandel, den habe es schon immer gegeben. Was man gerade erlebe sei eine menschengemachte Temperatursteigerung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Schon jetzt liege die Temperatur deshalb 1,5°C über dem langjährigen Mittel. Die Bäume seien in Bayern die ersten Opfer dieser Entwicklung. Ziegler fordert deshalb unmissverständlich einen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen. Auch totes Schadholz sei ein CO2-Emittent. Deshalb sei die Stilllegung des Waldes keine Option. Sorgen macht sich Ziegler allerdings um die künftige Bewirtschaftung des Waldes. Denn das Interesse gerade der Kleinwaldbesitzer unter 25 ha Waldfläche, in Bayern immerhin 68% des Privatwaldes, sinke beträchtlich angesichts der Käfermisere. Der durchschnittliche Waldbesitzer hat auf seiner Fläche einen Vermögenswert von 70.000 Euro stehen. Diese Werte sind erheblich geschrumpft. Ziegler rechnete vor, dass in den vergangenen fünf Jahren durch die Kalamitäten in Bayern 25 Mio. fm Rundholz zu rund 20 Euro niedrigeren Preisen vermarktet werden mussten. Dadurch sei ein Schaden von 500 Mio. Euro entstanden. Dieser wirtschaftliche Niedergang müsse gestoppt werden, ansonsten hören die Leute auf, sich um ihren Wald zu kümmern, warnte Ziegler. Ein Ende der Kalamität sei jedoch nicht absehbar. In den bayerischen Wäldern stehen rund eine Milliarde Festmeter Holz. In den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten sei mit einem kalamitätsbedingt zusätzlichen Rundholzanfall von 100-200 Mio. fm zu rechnen. Es gebe keinen Plan, was mit diesem Holz geschehen solle. Die WEHAM-Studie, die für gesamt Deutschland bis 2052 einen jährlichen Holzanfall von 78 Mio. fm prognostiziert, hält Ziegler für überholt. Es fehlen die Schadholzmengen. Die niedrigen Rundholzpreise gefährden die Zukunft der Wälder, so Zieglers Fazit. Um die Ausbreitung des Borkenkäfers zu bremsen sei ein Förderprogramm zur flächendeckenden Errichtung von Nasslagern im Privat- und Körperschaftswald nötig. Diese gebe es bislang praktisch nicht. Die Genehmigungshürden dafür müssen drastisch gesenkt werden, fordert Ziegler. Ebenso wenig wie für die Nasslager gebe es einen Plan für den notwendigen Baumartenwechsel. Um beides zu managen, sei eine Rohstoffstrategie nötig. „Deutschland importiert für 100 Mio. Euro fossile Rohstoffe im Jahr!“, empörte sich Ziegler. Die soll man besser für den Rohstoff Holz verwenden. Dazu müssen sich alle Holznutzer an proHolz Bayern beteiligen, drängte Ziegler insbesondere die die Großsäger, die aber sowohl bei proHolz Bayern als auch in München durch Abwesenheit glänzten, wie Ziegler deutlich machte: „Die, die es hören müssten, sind eh nicht da.“ Abschließend kritisierte Ziegler, dass Bayern das einzige Land ohne 44t-Regelung für Rundholztransporte ist und kündigte an, dass man proHolz Bayern zu einer nationalen Initiative machen wolle.

Norbert RemlerVon Norbert Remler, Leiter Holz, Technik und Logistik bei den Bayerischen Staatsforsten bekam die Sägeindustrie die nächste Breitseite: „Die Folgen des Klimawandels werden von Waldbesitz getragen. Die Sägeindustrie beteiligt sich nicht. Die Forstwirtschaft wird in Teilen Deutschlands aufgegeben“, so Remlers zorniges Resümee. Danach schoss er gegen Ministerpräsident Söder, der den Wald in Bayern in einen Klimaspeicher umwandeln will: „Wir machen die ganze Zeit nichts Anderes! Was soll sich denn bitte schön jetzt ändern?“. Der Wald entfalte seine Klimawirkung durch die Nutzung des Holzes. Seit 30 Jahren baue man den Wald um, das 4-Baumarten-Konzept sorge für Mischwald und naturnahe Waldwirtschaft. In der Branche dürfe es kein Gegeneinander geben betonte er und äußert seinen Ärger über zwei Pressemitteilungen von AGR und DeSH, die anmahnten, die Bäume dürften nicht zu alt werden und es müsse ausreichend Nadelholz in der Verjüngung nachkommen. Die Öffentlichkeit müsse verstärkt über proHolz Bayern erreicht werden forderte Remler, und machte deutlich, dass man das Aktionsbündnis an Erfolgen in diesem Bereich messen werde. Klimaschutz funktioniere nur über CO2-Bindung, so Remler abschließend. Deshalb vermisse er im deutschen Klimapaket den Holzbau. Den Sägern warf er vor, die Waldbesitzer unmoralisch zu behandeln: „Hier werden ethische Grenzen unterschritten.“ Die Waldbesitzer müssen teilhaben, sagte er, und stieß damit ins gleiche Horn wie Josef Ziegler hinsichtlich der niedrigen Holzpreise.

Peter Aicher„Das Klimapaket der Bundesregierung ist windelweich und geht am Ziel vorbei“, sparte auch Peter Aicher, Präsident des Landesinnungsverbands des Bayerischen Zimmererhandwerks, nicht mit Kritik. „Der Wandel kommt by Design oder by Desaster“, sagte er und machte klar, dass man sich seiner Meinung auf dem Weg in Richtung Desaster befinde. Man müsse weg von fossilen Energien und das gehe nur mit Holz. Die deutsche Bauindustrie verbrauche jährlich 550 Mio. Tonnen mineralische Baustoffe und produziere 200 Mio. Tonnen Abfall. Holz sei im Klimapaket der Bundesregierung nicht einmal genannt. Für Bayern fordert Ziegler eine Holzbauoffensive wie in Baden-Württemberg. „Hamburg, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen hängen Bayern gerade ab! Das ist blamabel!“, schimpfte er. Man benötige staatliche Unterstützung im sozioökonomischen Bereich, bei Forschung und Entwicklung und zur Etablierung marktreifer Produkte. Zum Schluss zitierte er Aristoteles: „Das Geheimnis des Könnens ist das Wollen!“

Johann AmetsbichlerJohann Ametsbichler, Vorsitzender der Vereinigung der Rundholzhändler und Forstdienstleister e.V., bildete den Abschluss und stellte die Frage, wer nach dem Umbau in Richtung Laubholz die ganze Fichte liefern solle. Die Waldbesitzer leisten am meisten fürs Klima, so Ametsbichler, doch jetzt werden sie alleingelassen. Er kritisierte die praktische Umsetzung der Förderung zur Käferholzlagerung außerhalb des Waldes. Es sei allein schon schwer, in Niederbayern, wo die Lage dramatisch sei, Plätze zu finden, die mehr als 500m vom Waldrand weg liegen. Habe man doch einen gefunden, so müsse man das Holz 14 Tage dort liegenlassen, bis jemand kontrolliert habe, ob das Holz vorschriftsmäßig gelagert ist. Bis dahin sei das Holz auf jeden Fall verblaut. So nehme man für 12 Euro Förderung 30 Euro Verlust in Kauf. An einer Beispielrechnung mit rund 50 fm vermarktetem Käferholz rechnete einen Verlust von 2.000 Euro, also 40 EUR/fm nach Ernte, Pflanzung und Ausmähen vor. Das derzeitige Preisniveau für Fichte 2b-Abschnitte verortete er bei 50-55 EUR/fm für weißes und bei rund 25 EUR/fm für verblautes Holz. Trotz dieser misslichen Lage müsse der Wald gepflegt werden. Auch die (laut Staatssekretär Weigert natursehnsüchtigen und gleichzeitig naturfernen) Städter wollen schließlich einen gepflegten Wald (auch wenn sie es nicht wissen), so Ametsbichler: „Denn im Urwald, da kann man nicht spazieren gehen!“ Doch die Forstwirtschaft werde auch dieses Problem meistern, zeigte sich Ametsbichler überzeugt und schloss mit dem aus einem anderen Zusammenhang bekannten: „Wir schaffen das!“